Transformationsreihe Teil 2: Brownfield, Greenfield oder Bluefield?

David Baumgartner am 24. Mai 2024

Zu sehen sind eine Reihe von Würfeln, mit aufgemalten Pfeilen, die in die selbe Richtung Zeigen. In der Mitte der Reihe gibt es einen Scheideweg, der zum richtigen oder falschen Ergebnis führt.

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Die richtige Migrationsstrategie für Energiedienstleister: Brownfield, Greenfield oder Bluefield?

Die digitale Transformation hat mittlerweile alle Branchen erreicht. Auch Energiedienstleister und Stadtwerke müssen ihre IT-Landschaft modernisieren und zukunftsfähig gestalten, um Ihren Betrieb zu erhalten und Wettbewerbsvorteile zu erlangen. In unserem letzten Artikel haben wir uns gemeinsam mögliche Zielsysteme angesehen. Doch welche Migrationsstrategie ist die richtige? Brownfield, Greenfield oder Bluefield?

In diesem Artikel werden die drei Ansätze für die Migration von IT-Systemen erläutert: Brownfield, Greenfield und Bluefield. Jeder Ansatz bietet unterschiedliche Strategien und Lösungen, die sowohl Chancen als auch Risiken mit sich bringen. Im Folgenden werden die Merkmale, Risiken und Chancen der jeweiligen Ansätze sowie praktische Beispiele vorgestellt

Welche Migrationsansätze gibt es und welche Unterschiede weisen diese auf?

Brownfield

Bestehende Prozesse und Datenstrukturen werden größtenteils beibehalten, während Anpassungen und Modernisierungen schrittweise innerhalb der bestehenden Systemumgebung erfolgen. Dieser Ansatz ist typischerweise nur bei Carve-In oder Care-Outs möglich, da ein Anbieterwechsel oder Systemupgrade (bspw. R/3->S/4) mit notwendigen Eingriffen in die Prozesse oder Datenstrukturen einhergeht. Deshalb bietet sich der Brownfield-Ansatz an, wenn Daten schnell und kostengünstig aus einem System extrahiert werden müssen.

Risiken:

Technische Schulden bleiben bestehen: Beispielsweise Workarounds, die nie in einen regulären Prozess umgewandelt wurden.

begrenzte Innovationsmöglichkeiten: Anpassung von Prozessen schwieriger bei exakt gleicher Datenlage

Altdaten: Auf Grund von Zeit und Kostengründen wird der alte Datenbestand beibehalten, eine Datenbereinigung findet nicht immer statt und wird nicht zwingend als Teil des Migrationsprojektes betrachtet. Dies kann zu Verstößen gegen den Datenschutz führen.

Chancen:

Kürzere Implementierungszeit: auf Grund geringerer Prozessanpassungen und geringerer Datenselektion und Mappings

geringere Kosten: geringere Projektlaufzeit, weniger Migrations- und Transformationsaufwand

Einfacheres Changemanagement: geringere Auswirkungen auf laufende Geschäftsprozesse.

Beispiel: Ein großer Energieversorger möchte sein bestehendes SAP-ERP-System auf die neueste Version aktualisieren. Das Unternehmen entscheidet sich für eine Brownfield-Migration, bei der die meisten bestehenden Prozesse und Datenstrukturen beibehalten werden. Durch schrittweise Anpassungen und eine sorgfältige Planung können laufende Geschäftsprozesse ungestört fortgeführt werden. Der Energieversorger kann zudem die Gelegenheit nutzen, ungenutzte Daten zu entfernen und interne Prozesse zu optimieren.

Greenfield

Ein vollständiger Neustart, bei dem ein neues IT-System von Grund auf neu entwickelt und implementiert wird. Bestehende Prozesse und Datenstrukturen werden umfassend überarbeitet oder komplett verworfen, um eine moderne und zukunftssichere IT-Infrastruktur zu schaffen. Dieser Ansatz ermöglicht es, aktuelle technologische Standards und Best Practices zu integrieren, ohne durch alte Systeme oder veraltete Arbeitsweisen eingeschränkt zu sein.

Dieser Ansatz bietet sich an, wenn eine neue Systemlandschaft aufgebaut werden soll wenn man Risiko zu diversifizieren, und die Abhängigkeit zu Lieferanten minimieren will. Wahrnehmung der Chancen neuer Technologien.

Risiken:

Changemanagement: Hoher organisatorischer Wandel, hohe Anfangsinvestitionen, lange Umsetzungsdauer.

komplexe Transformation: historisch gewachsene Strukturen müssen übernommen werden, Prozessänderungen in der aktualisierten Umgebung müssen durch aufwändige Transformationen nutzbar gemacht werden.

Doppelter Systembetrieb: Neu und Altsysteme müssen parallel betrieben werden, bis sämtliche neue Prozesse sicher laufen. Zur Einhaltung von Steuerrechtlichen und Datenschutzrechtlichen Vorgaben müssen Altsysteme weiterhin als Sichtsysteme betrieben werden, dies bedeutet höhere Kosten und auch ein erweitertes Sicherheitskonzept für Altsysteme. Zusätzlich erschwert dies die Migration, da diese nur Konstruktweise erfolgen kann.

Chancen:

Sauberer Neustart ohne Altlasten: Durch den Greenfield-Ansatz können Unternehmen auf einer "grünen Wiese" beginnen, ohne durch alte Systeme oder veraltete Prozesse eingeschränkt zu sein. Dies ermöglicht es, eine IT-Infrastruktur zu schaffen, die genau auf die aktuellen und zukünftigen Anforderungen des Unternehmens zugeschnitten ist.

maximale Flexibilität: Mit einem Greenfield-Ansatz können Unternehmen ihre IT-Architektur vollständig neu gestalten und dabei maximale Flexibilität erreichen. Dies erlaubt es, innovative Technologien und agile Methoden zu integrieren.

optimale Datenstruktur: Da alle Prozesse und Datenstrukturen neu gestaltet werden, kann eine optimale Datenstruktur geschaffen werden, die Effizienz und Leistung maximiert. Alte, ineffiziente Datenformate und -strukturen können eliminiert werden.

Beispiel: Ein mittelständischer Gasversorger plant, seine gesamte IT-Landschaft neu aufzubauen. Nach einer gründlichen Analyse entscheidet er sich für eine Greenfield-Migration. Dabei werden alle Geschäftsprozesse und Datenstrukturen überarbeitet oder neu gestaltet. Das Unternehmen kann so ein vollständig neues IT-System mit moderner Technologie implementieren, das besser auf zukünftige Anforderungen ausgerichtet ist.

Bluefield

Eine Kombination aus Brownfield- und Greenfield-Ansatz. Kernprozesse bleiben bestehen, jedoch können Bereiche modernisiert oder neugestaltet werden.

Ein Bluefield-Ansatz eignet sich, wenn Unternehmen ihre IT-Landschaft modernisieren möchten, ohne einen vollständigen Neustart durchzuführen. Er bietet sich an, wenn stabile und bewährte Kernprozesse bestehen, die durch technologische Modernisierungen optimiert werden können. Zudem reduziert dieser Ansatz die Umsetzungsrisiken und Kosten im Vergleich zu einem vollständigen Neustart. Er ermöglicht auch eine selektive Migration und Modernisierung, indem dringend benötigte Bereiche modernisiert werden, während andere Bereiche weiterhin effektiv arbeiten. Schließlich hilft der Bluefield-Ansatz, die Balance zwischen kontinuierlichem Geschäftsbetrieb und der Einführung neuer Technologien zu wahren. Insgesamt erlaubt er eine gezielte und planvolle Vorgehensweise, indem er bewährte Prozesse beibehält und Modernisierungen gezielt durchführt.

Risiken:

Komplexität durch Kombination verschiedener Strategien: Die Kombination von Brownfield- und Greenfield-Elementen führt zu einer erhöhten Komplexität, die sorgfältige Planung und Koordination erfordert.

Unüberschaubarkeit von Aufwänden: Eine detaillierte Analyse der bestehenden Prozesse und des Zielsystems ist notwendig, um sicherzustellen, dass alle Aspekte der Migration abgedeckt sind. Zudem ist im Vorfeld eine umfassende Machbarkeitsstudie erforderlich, um die Risiken und Vorteile des Ansatzes zu bewerten und die Durchführbarkeit zu bestätigen.

Integration: Die Integration bestehender Schnittstellen und Drittanbietersysteme kann zusätzliche Herausforderungen darstellen.

Chancen:

Geringerer organisatorischer Wandel: Geringeres Changemanagement, da Prozessabläufe teilweise gleich bleiben, was die Akzeptanz bei den Mitarbeitern erleichtert und Schulungsaufwand reduziert.

verbesserte Innovationsfähigkeit: Durch die gezielte Modernisierung von Bereichen können neue Technologien und Innovationen schneller und effektiver eingeführt werden, ohne den gesamten Geschäftsbetrieb zu stören.

kürzere Umsetzungsdauer: Die selektive Modernisierung und Migration ermöglicht eine schnellere Umsetzung im Vergleich zu einem vollständigen Neustart, da bewährte Prozesse beibehalten und nur notwendige Anpassungen vorgenommen werden.

Beispiel: Ein internationaler Energiekonzern möchte seine bestehende ERP-Landschaft auf SAP S/4HANA migrieren. Dabei entscheidet er sich für eine Bluefield-Strategie, die eine selektive Datenmigration und gezielte Modernisierung bestehender Prozesse ermöglicht. Kernprozesse, wie die Abrechnung bleiben bestehen, aber nicht benötigte Funktionen und Daten werden aus dem neuen System ausgeschlossen. Dies führt zu einer signifikanten Verbesserung der Systemperformance.

Nachdem die drei Migrationsansätze nun detailliert erläutert wurden, ist es wichtig, die spezifischen Fragen zu betrachten, die Ihr Unternehmen beantworten muss, um den richtigen Ansatz zu wählen:

1. Welches Vorgehen ist bei der Wahl meines Systems möglich? Ist es gewollt und möglich, dass ihr Altsystem auf eine neue Version gehoben wird?

2. Wie hoch ist die aktuelle technische Schuldenlast? Analysieren Sie Ihre IT-Landschaft hinsichtlich technischer Schulden und Innovationsfähigkeit.

3. Welche Unternehmensprozesse müssen zwingend beibehalten werden? Bestimmen Sie kritische Prozesse, die weiterhin zuverlässig funktionieren müssen.

4. Wie groß ist der kulturelle Wandel, den die Organisation stemmen kann? Beachten Sie, dass jede Strategie einen unterschiedlichen Grad an Veränderung erfordert.

5. Welches Budget steht zur Verfügung und wie ist die erwartete Amortisationszeit?Überlegen Sie, welcher Ansatz innerhalb Ihres Budgets und Zeithorizonts machbar ist.

6. Welche internen Kompetenzen sind vorhanden? Prüfen Sie, ob Ihr IT-Team über die erforderlichen Fähigkeiten verfügt oder externer Support benötigt wird.

7. Gibt es Möglichkeiten oder die Notwendigkeit zur Datenreduktion und -Neustrukturierung? Nutzen Sie die Migration, um ungenutzte oder doppelte Daten zu entfernen und die Datenstruktur zu optimieren.

8. Welche regulatorischen Anforderungen müssen erfüllt werden? Achten Sie darauf, dass die Migration die Compliance verbessert und aktuelle regulatorische Anforderungen erfüllt.

Fazit: Welche Strategie passt zu Ihnen?

Die Wahl der richtigen Migrationsstrategie hängt von den individuellen Anforderungen Ihres Unternehmens ab. Wenn Sie eine kurzfristige Modernisierung benötigen und bestehende Prozesse weitestgehend beibehalten wollen, könnte der Brownfield-Ansatz der richtige Weg sein. Bei grundlegenden Systemveränderungen und der Notwendigkeit, sich komplett neu zu positionieren, ist Greenfield optimal. Bluefield bietet eine ausgewogene Balance und ermöglicht Modernisierung, ohne auf bestehende Prozesse verzichten zu müssen.

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